Produkthistorie

Das digitale Scheckheft: 

Wie carVertical Fahrzeughistorien auf die Blockchain bringt

1. Eine VIN, 40 Sekunden, ein lückenloser Nachweis 

Ein gebrauchter Kombi, 87.000 Kilometer, sauberer Lack, freundlicher Verkäufer. Wer heute vor so einem Auto steht, tippt die 17-stellige Fahrgestellnummer (VIN) in eine App und erhält innerhalb von rund 40 Sekunden einen Bericht: Wurde die Laufleistung manipuliert? Gab es einen Unfall? Ist das Fahrzeug als gestohlen gemeldet? [1] 

Möglich macht das carVertical – ein litauisches Unternehmen, das seit 2017 Fahrzeughistorien aus zahlreichen Quellen in einem global abrufbaren Register bündelt, das auf Blockchain-Technologie aufgebaut ist. [2] 

Für KMU in der Region Dortmund-Unna-Hamm lohnt sich ein Blick auf die Entstehungsgeschichte: Sie zeigt, wie ein Blockchain-basiertes Register von der Startidee bis zur behördlichen Anerkennung gereift ist.

 

2. Was bedeutet Produkthistorie als Use Case? 

Das DUH-IT-Anwendungsfalldeck definiert den Use Case „Produkthistorie“ – mit dem Beispiel Fahrzeughistorie – so: Blockchainbasierte Produkthistorien dokumentieren lückenlos die Daten eines Produktes von der Herstellung bis zur Verschrottung, einschließlich Besitzverhältnisse, Verkaufs- und Unfallhistorie sowie Wartungsarbeiten. Dieses digitale Scheckheft dokumentiert automatisch alle Wartungen und Inspektionen; Werkstätten und Versicherungen tragen Daten ein, während Käufer*innen Zugriff auf diese Informationen haben. 

Der klassische Schwachpunkt ist die Fragmentierung: Zulassungsbehörden, Versicherungen, Werkstätten und Prüforganisationen führen jeweils eigene, meist nationale Register. Ein Käufer sieht nur einen Ausschnitt – und genau diese Lücke lässt sich für Betrug ausnutzen, etwa durch Tachomanipulation oder das Verschweigen von Unfallschäden. Eine Blockchain-basierte Lösung setzt genau hier an: Sie bringt die verstreuten Datenquellen in einem gemeinsamen, fälschungssicheren Register zusammen – exakt das im Deck beschriebene „digitale Scheckheft“.

3. Der Aufbau: Ein weltweit erstes dezentrales Fahrzeugregister 

carVertical wurde 2017 in Litauen gegründet. [3] Bereits im Januar 2018 finanzierte sich das Unternehmen über ein Initial Coin Offering (ICO) mit knapp 20 Millionen US-Dollar. [2] Das Vorhaben: ein globales, dezentrales Fahrzeughistorienregister auf Blockchain-Basis – nach eigener Beschreibung das erste seiner Art. [4] 

Noch im selben Jahr gewann carVertical einen Pitch-Wettbewerb von Volkswagen und zog für ein Inkubatorprogramm in die Gläserne Manufaktur nach Dresden. Für das Register selbst arbeitete carVertical mit Versicherungen, Verkehrsbehörden, Werkstätten, Auktionsanbietern und Leasing-Diensten zusammen, um deren Daten einzuspeisen. CEO Rokas Medonis erläuterte das Verifikationsprinzip so: Man frage mehrere unabhängige Quellen zum selben Datenpunkt ab, um ihn zu verifizieren. [2] 

Am 11. Juli 2018 verkündete carVertical selbst den Beitritt zum MOBI-Konsortium (Mobility Open Blockchain Initiative) [5] – dem im Mai 2018 gegründeten Zusammenschluss von mehr als 30 Unternehmen und Organisationen, darunter die Automobilhersteller BMW, Ford, Renault und General Motors sowie IBM und Bosch. [6] CEO Rokas Medonis ordnete den Schritt damals so ein: Die Blockchain stehe in der Automobilbranche noch am Anfang, und carVertical unterstütze MOBIs Ziel, gemeinsame Industriestandards zu setzen, statt dass jeder Anbieter seinen eigenen Weg geht. [5] Die Aufnahme in einen Kreis, der laut MOBI zusammen über 70 Prozent der weltweiten Fahrzeugproduktion repräsentierte, war eine deutliche Anerkennung des technologischen Ansatzes. [6] 

4. Die Architektur: Wie das Blockchain-Register funktioniert 

Das Grundprinzip folgt der klassischen Blockchain-Logik: Statt Daten zentral bei einem einzelnen Anbieter zu speichern, verteilt sich das Register auf ein Netzwerk, in dem einmal eingetragene Datensätze kryptographisch miteinander verkettet und damit vor nachträglicher Veränderung geschützt sind. Jede neue Information zu einem Fahrzeug – ein Unfall, ein Kilometerstand, ein Eigentümerwechsel – wird zu einem unveränderlichen Eintrag in der Historie dieses Fahrzeugs. 

Ein zentrales Problem solcher Register ist der Kaltstart: Warum sollte jemand Daten einspeisen, wenn er selbst keinen unmittelbaren Vorteil davon hat? Das ursprüngliche Whitepaper von 2018 beantwortete das mit einem klassischen Krypto-Anreizmodell: Ein Gerät am OBD-Anschluss (On-Board-Diagnose) sollte fortlaufend Fahrzeugdaten direkt aus dem Auto liefern, und der eigens ausgegebene CV-Token sollte Nutzer dafür belohnen. [4] Ob dieses Hardware- und Tokenmodell tatsächlich in nennenswertem Umfang ausgerollt wurde, lässt sich anhand öffentlicher Quellen nicht bestätigen – Drittanbieter-Beschreibungen des Mechanismus bleiben durchgehend im Futur („will reward“). Real gestartet ist laut carVertical selbst 2019 zunächst das Kernprodukt: der kostenpflichtige Fahrzeughistorienbericht. [1] 

Die Datenbasis stammt laut carVertical aus mehr als 1.000 internationalen Datenbanken nationaler Fahrzeugregister, Versicherungsunternehmen, Strafverfolgungsbehörden und offizieller Werkstätten. [1] Genau diese Vielzahl unabhängiger, sich gegenseitig nicht vertrauender Datenquellen ist der Grund, warum sich Produkthistorien wie diese für eine dezentrale, blockchain-basierte Architektur eignen: Kein einzelner Akteur muss der zentralen Instanz vertrauen – die Integrität ergibt sich aus dem Verfahren selbst. 

5. Wachstum und externe Anerkennung 

Das Konzept hat sich am Markt durchgesetzt. Zwei unabhängige, offizielle Anerkennungen belegen das: carVertical ist ein vom US-Justizministerium zugelassener NMVTIS-Datenanbieter (National Motor Vehicle Title Information System) – die US-Bundesbehörde führt carvertical.com direkt in ihrer offiziellen Liste zugelassener Anbieter. [7] Seit März 2024 ist carVertical zudem Mitglied bei CITA, dem internationalen Dachverband der Fahrzeugprüforganisationen. [8] 

Nach eigenen, aktuellen Angaben ist carVertical heute in 38 Märkten aktiv, hat über 12,4 Millionen Fahrzeuge geprüft, zählt mehr als 2 Millionen Nutzer pro Jahr und kam auf einen kumulierten Umsatz von 75 Millionen Euro. [1]

6. Was bedeutet das für KMU? 

    • Prinzip lässt sich übertragen: Das in Kapitel 4 beschriebene Muster – viele unabhängige Datenquellen speisen ein gemeinsames Register, ohne sich gegenseitig vertrauen zu müssen – ist nicht auf Fahrzeuge beschränkt. Für KMU-Konsortien mit vergleichbaren Datenflüssen, etwa in mehrgliedrigen Lieferketten, ist es ein direkt übertragbares Architekturprinzip. 
    • Anreizsysteme für Datenlieferanten mitdenken: Der ursprüngliche carVertical-Plan, Datenlieferanten über einen eigenen Token zu belohnen, zeigt eine grundsätzliche Herausforderung solcher Register: Wer liefert Daten, wenn er selbst keinen Vorteil davon hat? Ob das Tokenmodell bei carVertical tatsächlich trug oder ob am Ende klassische Vertragspartnerschaften mit Versicherungen und Behörden den Ausschlag gaben, lässt sich von außen nicht sicher sagen – für eigene Projekte lohnt sich aber, diese Frage von Anfang an zu klären. 
    • Konsortialer Ansatz beschleunigt Standardisierung: Der Beitritt zu MOBI zeigt, wie sich ein einzelnes Unternehmen durch die Einbindung in ein branchenweites Blockchain-Konsortium schneller Glaubwürdigkeit und Reichweite bei großen Industriepartnern erschließen kann – ein Modell, das auch für KMU-Netzwerke in der Region interessant ist. 
    • Regulatorischer Rückenwind: Herkunfts- und Historiennachweise fließen – wie beim Batteriepass – zunehmend in EU-Regularien wie den Digital Product Passport (ESPR) ein. Blockchain-basierte Register sind technisch gut geeignet, die dafür nötige fälschungssichere Dokumentation zu liefern. 

7. Fazit: Ein reales, gewachsenes Blockchain-Register 

Behörde (NMVTIS) und internationalen Fachverband (CITA) hat carVertical gezeigt, dass sich ein Blockchain-basiertes Produkthistorien-Register über Jahre am Markt behaupten kann  getragen von der Kombination aus dezentralem Register, VIN-basierter Identifikation und einer breiten Basis vertraglich eingebundener Datenpartner. Ob der ursprünglich geplante Token-Anreiz für Dateneinreicher dabei die tragende Rolle spielte, die das Whitepaper vorsah, bleibt offen – am eigentlichen Registerkonzept ändert das nichts. 

Für die Region Dortmund-Unna-Hamm liefert der Fall ein übertragbares Muster für alle Produktkategorien mit vielen unabhängigen Datenquellen entlang des Lebenszyklus – von Ersatzteil-Lieferketten bis zu Prüf– und Zertifizierungsprozessen. 

Quellen 

[1] https://www.carvertical.com/en (Startseite) und https://www.carvertical.com/en/about-us (Über uns) 

[2] https://www.businessinsider.de/gruenderszene/automotive-mobility/carvertical-gebrauchtwagen-startup-blockchain/ 

[3] https://www.crunchbase.com/person/rokas-medonis 

[4] https://www.coindesk.com/price/cv 

[5] https://web.archive.org/web/20191206184236/https://www.carvertical.com/en/blog/welcome-to-the-elite-club-carvertical-joins-the-mobility-open-blockchain/ (carVertical-Blog, „carVertical Joins The Mobility Open Blockchain Initiative (MOBI)“, 11. Juli 2018, archiviert über die Wayback Machine, da die Originalseite nicht mehr erreichbar ist) 

[6] https://dlt.mobi/major-automakers-startups-technology-companies-and-others-launch-mobility-open-blockchain-initiative-mobi/ 

[7] https://vehiclehistory.bja.ojp.gov/nmvtis_vehiclehistory (U.S. Department of Justice, offizielle Liste zugelassener NMVTIS-Datenanbieter) 

[8] https://citainsp.org/2024/03/05/a-new-cita-member-from-lithuania-carvertical/ (CITA International Motor Vehicle Inspection Committee) 

Produkthistorie
Junger Mann mit bloden Haaren und Bart trägt blaues Hemd, lächelt

DUH-IT USE CASES

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Karol Rösner

Technische Universität Dortmund
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