Essen gegen Iris-Scan:
Wie das UN-Welternährungsprogramm Blockchain-Wertmarken für Millionen Geflüchtete einsetzt



1. Ein Blick ins Auge, kein Bargeld, kein Bankkonto
Eine Geflüchtete steht an der Kasse eines Ladens im Flüchtlingslager Azraq in Jordanien. Sie zahlt weder mit Bargeld noch mit einem Gutscheinheft oder einer Bankkarte. Stattdessen reicht ein kurzer Blick in eine Kamera. Ihre Iris wird gescannt, ihr digitales Guthabenkonto erkannt, und der Betrag für die Lebensmittel wird automatisch abgebucht. Es ist keine Bank beteiligt und es fällt keine Gebühr an. Die Organisation, die ihre Hilfe finanziert, sieht sogar in Echtzeit, dass die Leistung tatsächlich angekommen ist. [1]
Möglich macht das Building Blocks, das Blockchain-Programm des UN-Welternährungsprogramms (World Food Programme, WFP). Das WFP bezeichnet es selbst als den weltweit größten humanitären Einsatz von Blockchain-Technologie. [2]
2. Was bedeutet Digitale Gutscheine/Wertmarken als Use Case?
Das DUH-IT-Anwendungsfalldeck beschreibt diesen Use Case am Beispiel von Essensmarken. Begünstigte erhalten einen digitalen Gegenwert, eine Art Wertmarke, die sie bei teilnehmenden Läden einlösen können. Die Läden wiederum bekommen dafür den passenden Währungsgegenwert ausgezahlt. Die Blockchain sorgt dabei dafür, dass diese Wertmarken weder gefälscht noch doppelt eingelöst werden können, und dass die Abrechnung zwischen Hilfsorganisation und Laden automatisch abläuft.
Der klassische Schwachpunkt klassischer Gutschein- oder Bargeldsysteme in der humanitären Hilfe liegt woanders: Mehrere Organisationen unterstützen oft dieselben Menschen, ohne voneinander zu wissen. Manche Familien erhalten dadurch versehentlich doppelte Hilfe, andere gehen leer aus. Und jede Bank- oder Bargeldtransaktion kostet zusätzlich Gebühren und Zeit, die in einer Krise eigentlich fehlen. [1]
3. Der Aufbau: Von der Idee 2017 zum Pilotprojekt in Jordanien
2017 stellten sich Verantwortliche beim WFP angesichts wachsender Bedarfe in Flüchtlingslagern und begrenzter Budgets eine einfache Frage: Könnte Blockchain-Technologie die Auszahlung von Hilfsgeldern schneller und effizienter machen? Ein erster kleiner Test lief in Pakistan. Danach kam der eigentliche Durchbruch im Flüchtlingslager Azraq in Jordanien. Dort nutzten 10.000 syrische Geflüchtete testweise eine Iris-Scan-Authentifizierung, um auf ein Blockchain-Konto zuzugreifen und damit Lebensmittel zu kaufen. Der Test funktionierte: Familien erhielten ihre Leistungen reibungslos, und das WFP sparte sich die sonst anfallenden Bankgebühren. Das war die Geburtsstunde von Building Blocks. [1]
Aus dem WFP-internen Pilotprojekt wurde bald ein geteiltes Netzwerk. 2019 stieß UN Women hinzu, um Bargeld für Frauen in Kompetenztrainings in Flüchtlingslagern auszuzahlen. In der Rohingya-Antwort in Bangladesch kamen außerdem UNICEF mit Hygieneartikeln und UNFPA mit Angeboten zur reproduktiven Gesundheit für Frauen und Mädchen hinzu. Alles lief über dieselbe digitale Oberfläche, sodass jede Familie ihre gesamte Unterstützung gebündelt und innerhalb festgelegter Grenzen erhielt. [1]
Technisch war das Netzwerk am Anfang übrigens nicht das, was es heute ist. Der Proof-of-Concept vom Januar 2017 lief noch auf einer öffentlichen Blockchain. Erst danach wechselte das WFP zu einer privaten, “permissioned” Variante, aus Gründen des Transaktionsdurchsatzes, der Kosten und des Datenschutzes. [4]
4. Die Architektur: Wie das Blockchain-Netzwerk funktioniert
Building Blocks ist bewusst kein öffentliches Kryptowährungs-Netzwerk. Es handelt sich um eine private, „permissioned“ Blockchain, zu der nur vertrauenswürdige Hilfsorganisationen Zugang haben. Technisch läuft das Netzwerk auf einer Ethereum-basierten Blockchain, ursprünglich mit der Software Parity beziehungsweise OpenEthereum. Das WFP selbst bestätigt den Einsatz von Ethereum und nennt eine Blockbestätigungszeit von 5 Sekunden bei null Kosten pro Transaktion. [4] Mit Kryptowährungen hat das Ganze trotzdem nichts zu tun. Auf die Frage, ob Building Blocks Kryptowährungen einsetzt, antwortet das WFP schlicht mit Nein. Die „Wertmarken“ sind Buchungseinträge für reguläre Hilfsleistungen, keine handelbaren Coins. [4]
Jede begünstigte Person erhält ein digitales Konto, das über biometrische Daten wie den Iris-Scan oder andere sichere Verfahren abgesichert ist. Mehrere Organisationen können Leistungen auf dasselbe Konto einzahlen. Dadurch sehen alle beteiligten Organisationen den vollständigen, koordinierten Unterstützungsstand einer Person, ohne dass eine von ihnen die persönlichen Daten der anderen einsehen muss. Lädt eine Organisation beispielsweise 50 US-Dollar Lebensmittelhilfe auf ein Konto und die begünstigte Person gibt davon 10 Dollar in einem lokalen Laden aus, werden beide Vorgänge auf der Blockchain festgehalten. Jedes Netzwerkmitglied sieht sofort den aktualisierten Kontostand. [1]
Der Iris-Scan aus der Gründungszeit ist dabei kein reines Vergangenheits-Detail. Die offizielle WFP-Seite zeigt auch im aktuellen Stand 2026 noch eine syrische Geflüchtete, die per Iris-Scan bezahlt, als Illustration des Systems. [2] Diese biometrische Authentifizierung gilt allerdings vor allem für das ursprüngliche Modell mit registrierten Geflüchteten in Jordanien und Bangladesch. Die späteren, größeren Erweiterungen in Beirut und der Ukraine funktionieren anders. Dort nutzen mehrere Dutzend bis über hundert Organisationen Building Blocks in erster Linie als Koordinationsebene, um doppelte Hilfszahlungen zwischen Organisationen zu vermeiden. Ein Iris-Scan-Zahlsystem am Verkaufstresen für jede einzelne Person ist das nicht. [1]
Persönliche Daten selbst liegen dabei nicht offen auf der Blockchain. Sensible Informationen werden Off-Chain gehasht, sodass auf der Kette nur eindeutige, anonymisierte Kennungen stehen. Biometrische Daten wie der Iris-Scan werden nach Angaben des WFP grundsätzlich nicht on-chain gespeichert, ebenso wenig Namen oder Geburtsdaten. Auch die Hilfeleistungen selbst sind nur auf Kategorie-Ebene sichtbar, etwa „Nahrung“ statt „Reis“, um Rückschlüsse auf einzelne Personen zu erschweren. [4] Governance-seitig gibt es außerdem keine einzelne „Eigentümerin“: Jede vollwertige Mitgliedsorganisation ist zu gleichen Teilen Miteigentümerin, Mitbetreiberin und Mitentscheiderin des Netzwerks. Allerdings sind „nutzen“ und „vollwertiges Mitglied sein“ zwei unterschiedliche Dinge: Ein Vollmitglied betreibt einen eigenen Validator-Knoten und hat Stimmrecht in der Governance, was laut WFP mit Serverkosten von etwa 400 US-Dollar auf Amazon Web Services verbunden ist. Die meisten der genannten Organisationen nutzen Building Blocks als Klienten, ohne selbst Vollmitglied zu sein. [4]
5. Wachstum und Belastungsproben
Building Blocks musste sich mehrfach unter Realbedingungen beweisen. Nach der Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 koordinierten 17 Organisationen über das Netzwerk innerhalb weniger Wochen 59 Millionen US-Dollar an Hilfe für 130.000 Menschen. [2] Das dort erprobte Prinzip der Überlappungs-Prävention wurde 2022 in der Ukraine hochskaliert.
18 Organisationen nutzten Building Blocks, um zwischen Mai und August 2022 bei 337 Millionen US-Dollar an Hilfe für eine Million Haushalte doppelte Zahlungen zu erkennen. So konnten 35 Millionen US-Dollar an unbeabsichtigten Überschneidungen verhindert werden. [2]
Mittlerweile nutzen laut WFP über 80 Organisationen der Cash Working Group und des Food Security & Livelihoods Cluster das Netzwerk in der Ukraine allein zu diesem Zweck. [1] 2025 waren es laut WFP-eigener Innovationsseite bereits 159 Organisationen, die Building Blocks in der Ukraine, Syrien und Palästina zur Abstimmung ihrer Hilfe nutzten. [3]
Nach dem aktuellen Stand aus dem Jahr 2025 hat Building Blocks über 760 Millionen US-Dollar an Hilfsvolumen durch mehr als 40 Millionen Transaktionen verarbeitet und dabei rund 6 Millionen Menschen erreicht. [1]
6. Was bedeutet das für KMU?
- Permissioned statt public: Building Blocks zeigt, dass Blockchain nicht zwangsläufig ein offenes, jedem zugängliches Kryptonetzwerk sein muss. Für KMU-Konsortien mit sensiblen Daten, etwa aus dem Gesundheits-, Sozial- oder Finanzbereich, ist ein privates Netzwerk mit geprüften Partnern oft der praktikablere Ansatz als eine öffentliche Chain.
- Neutralität als Vertrauensanker: Keine Organisation besitzt das Netzwerk. Alle Vollmitglieder sind gleichberechtigt. Dieses Governance-Modell löst ein Kernproblem vieler Branchenkonsortien: Wer fängt an, ein gemeinsames System zu nutzen, wenn ein einzelner Akteur die Kontrolle behält?
- Datenschutz von Anfang an mitdenken: Personenbezogene Daten liegen bei Building Blocks nicht auf der Kette selbst, sondern werden Off-Chain gehasht. Nur anonymisierte Kennungen stehen on-chain. Für DSGVO-relevante KMU-Anwendungen ist das ein direkt übertragbares Architekturprinzip.
- Software-as-a-Service senkt die Eintrittshürde: Kleinere Organisationen müssen kein eigenes System aufbauen, sondern können sich kostenlos in ein bestehendes Netzwerk einklinken. Für KMU-Netzwerke in der Region ist das ein Modell, um auch kleinere Zulieferer oder Partner ohne große IT-Investition einzubinden.
7. Fazit
Building Blocks gehört zu den am längsten laufenden und am besten dokumentierten Blockchain-Projekten weltweit. Aus einem kleinen Pilotversuch 2017 in Pakistan und Jordanien ist ein Netzwerk geworden, das nach aktuelleren Angaben rund 6 Millionen Menschen in Krisengebieten erreicht. Die Kombination aus privater, permissioned Blockchain, geteiltem Eigentum ohne Hierarchie und einer bewusst datensparsamen Architektur mit Off-Chain-Hashing zeigt, wie sich Blockchain-Technologie auch für hochsensible, regulierte Anwendungsfälle einsetzen lässt.
Für die Region Dortmund-Unna-Hamm liefert der Fall ein Muster für jedes KMU-Konsortium, das Leistungen mehrerer Partner für dieselben Kund*innen oder Begünstigten koordinieren muss, ohne dass am Ende ein einzelner Akteur die Kontrolle über das gemeinsame System übernimmt.
Quellen
[1] https://www.uninnovation.network/blog/how-the-building-blocks-blockchain-network-is-transforming-humanitarian-aid (UN Innovation Network, offizielles UN-Innovationsnetzwerk, mit direktem Zitat von Jessica Stanford, Global Project Manager for Building Blocks, WFP)
[2] https://www.wfp.org/building-blocks (offizielle Programmseite des UN-Welternährungsprogramms)
[3] https://innovation.wfp.org/project/building-blocks (offizielle WFP-Innovationsseite)
[4] https://docs.wfp.org/api/documents/WFP-0000146542/download/ (offizielles Building Blocks FAQ-Dokument des WFP, Stand Februar 2023)



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Karol Rösner
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