Der Batteriepass:
Wie Distributed-Ledger-Technologie bei den Großen schon Realität ist



1. Ein QR-Code an der B-Säule
Wer heute einen Volvo EX90 öffnet, findet an der Innenseite der B-Säule einen QR-Code. [2] Wer ihn scannt, sieht, woher das Kobalt, Nickel, Graphit und Lithium in der Antriebsbatterie stammen, wie hoch der CO₂-Fußabdruck der Batterie ist und wie viel recyceltes Material verbaut wurde. [2][3]
Der EX90 ist das weltweit erste Serienfahrzeug mit einem digitalen Batteriepass. [3] Volvo Cars führte ihn 2024 ein – rund drei Jahre, bevor er in der EU gesetzlich verpflichtend wird. [4]
Was hier wie eine Marketing-Spielerei eines Premiumherstellers aussieht, ist tatsächlich der erste sichtbare Anwendungsfall einer regulatorischen Welle, die in den kommenden Jahren weite Teile der europäischen Industrie erfassen wird. Für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) – als Zulieferer, Recycler oder Logistikdienstleister – lohnt sich deshalb ein genauer Blick: Der Batteriepass ist kein Einzelfall, sondern die Blaupause für den digitalen Produktpass, der absehbar nahezu alle Produktkategorien betreffen wird.
2. Was ist ein Batteriepass?
Ein Batteriepass ist eine elektronische Akte, die einer einzelnen, physisch existierenden Batterie über einen eindeutigen Identifikator zugeordnet ist und sie über ihren gesamten Lebenszyklus begleitet – von der Rohstoffgewinnung über Produktion und Nutzung bis zu Zweitverwendung und Recycling.
Laut der offiziellen Volvo-Seite [2] können über den QR-Code folgende Informationen abgerufen werden:
- CO₂-Fußabdruck (in g CO₂)
- Soziale Nachhaltigkeit
- Batterietyp und Zusammensetzung
- Kapazität (in kWh)
- Art und Anteil verbauter Risikostoffe
- Gesundheitszustand der Batterie (State of Health)
- Anteil recycelter/recyclebarer Stoffe (in %)
- Informationen für Zweitnutzung oder Recycling
- Hersteller
Der Pass arbeitet mit gestuften Zugriffsrechten: Fahrzeughalter können über App oder QR-Code eine vereinfachte Version abrufen, während eine vollständigere Version den Regulierungsbehörden bereitgestellt wird. [4]
3. EU-Regulatorik: Der Zeitplan steht
Rechtsgrundlage ist die EU-Batterieverordnung (EU) 2023/1542, die am 28. Juli 2023 im EU-Amtsblatt veröffentlicht wurde, am 17. August 2023 formell in Kraft trat und seit dem 18. Februar 2024 in wesentlichen Teilen unmittelbar geltendes Recht in allen Mitgliedstaaten ist. [5]
Die zentralen Termine:
- Ab 18. Februar 2027: Digitaler Batteriepass nach Art. 77 Abs. 1 VO (EU) 2023/1542 verpflichtend – für alle EV-Batterien, Industriebatterien über 2 kWh und Batterien für leichte Verkehrsmittel (LMT). [5]
- Ab 18. August 2027: Verpflichtende Sorgfaltspflichten in der Lieferkette nach Art. 48 Abs. 1 VO (EU) 2023/1542, [5] ursprünglich ab 18. August 2025, verschoben auf 18. August 2027 durch Art. 1 VO (EU) 2025/1561 (ABl. L, 2025/1561 vom 30. Juli 2025) [6]
- Ab 18. August 2031: Dokumentation des Rezyklatanteils; [5]
Volvo Cars beschreibt den gesellschaftlichen Mehrwert selbst: „Nur so können illegale und Natur zerstörende Minen verhindert werden.“ [2]
Der Batteriepass ist eng mit weiteren EU-Regelwerken verzahnt: Die Ökodesign-Verordnung ESPR (EU) 2024/1781 führt den Digital Product Passport (DPP) als Leitinstrument für nahezu alle Produktgruppen ein. Relevant sind zudem die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und die CSDDD („EU-Lieferkettengesetz“), die Transparenz- und Sorgfaltspflichten entlang von Lieferketten vorschreiben.
Hinweis: Die CSRD wurde durch das EU-Omnibus-Paket 2025 erheblich geändert: Sie gilt nun nur noch für Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitenden und über 450 Mio. € Jahresumsatz. Für die meisten KMU greift sie nicht direkt – als Zulieferer großer Abnehmer können diese Anforderungen jedoch indirekt weitergegeben werden. Der Batteriepass liefert genau die Daten, die diese Berichtspflichten benötigen.
4. Technische Umsetzung: Blockchain, digitaler Zwilling, QR-Code
Volvo Cars entwickelte den Batteriepass gemeinsam mit dem britischen Startup Circulor. [2] Circulor nutzt Blockchain-Technologie, um Lieferketten abzubilden. Das System verfolgt Batteriematerialien von der Mine bis zu den einzelnen Fahrzeugen – es nutzt die Produktionssysteme der Zulieferer und prüft deren monatliche Energierechnungen, einschließlich des Anteils erneuerbarer Energie. [2]
Volvo Cars erklärt die Technologie so: „Eine Blockchain ist wie ein digitales Buch, das eine Liste von Datensätzen enthält, die per Kryptographie miteinander verbunden sind. Jede Transaktion innerhalb der Lieferkette wird aufgezeichnet und kann nicht mehr geändert werden.“ [2]
Die Daten enthalten spezifische Informationen zur Herkunft der Rohstoffe. Am Beispiel Kobalt: Gewicht, Größe und Konformitätsbescheinigung (CoC) belegen die Einhaltung der OECD-Lieferketten-Richtlinien. [2]
5. Das Beispiel Volvo EX90
Der Volvo EX90 läuft im Werk in Charleston, South Carolina, vom Band. [4] Die Auslieferung in Europa und Nordamerika begann in der zweiten Jahreshälfte 2024. [4] Die Batterien stammen von CATL (China) und LG Chem aus Südkorea – beide erfüllen laut Volvo Cars die strengen Beschaffungsrichtlinien und garantieren verantwortungsvolle Lieferketten, Reduzierung der CO₂-Emissionen und wettbewerbsfähige Preise. [2]
Fahrzeughalter können über den QR-Code an der Innenseite der B-Säule [2] oder die Volvo Cars App [3] eine vereinfachte Version des Passes abrufen. Eine vollständigere Version mit dem Batteriezustand (State of Health) wird Regulierungsbehörden bereitgestellt und für 15 Jahre gepflegt. [4]
Die Kosten: Circulor-CEO Douglas Johnson-Poensgen bezifferte sie gegenüber Reuters auf rund 10 US-Dollar pro Fahrzeug. [4]
Hinter der Entscheidung steht eine klare strategische Haltung. „Es ist wichtig für uns, ein Pionier und Vorreiter zu sein“ – Vanessa Butani, Leiterin der Abteilung für globale Nachhaltigkeit bei Volvo Cars. [2]
Inzwischen ist der Batteriepass auch im neuen Volvo ES90 verfügbar. [1]
6. Was bedeutet das für KMU?
-
Auch wenn der Batteriepass formal die „Wirtschaftsakteure“ verpflichtet, die Batterien in Verkehr bringen (Hersteller und Importeure), trifft die Wirkung die gesamte Lieferkette:
- Zulieferer: Wer als KMU Komponenten liefert, wird zur strukturierten, kontinuierlichen Datenlieferung aufgefordert. Vorbereitete KMU werden zu bevorzugten Partnern der OEMs.
- Recyclingunternehmen: Demontageanleitungen und Materialdaten im Pass erleichtern die sortenreine Verwertung. [2] Neue Geschäftsmodelle entstehen rund um Second-Life-Anwendungen und die ab 2031 verpflichtenden Rezyklatquoten.
- Logistik: Die lückenlose Rückverfolgung von Materialflüssen und Chain-of-Custody-Nachweisen wird zur Anforderung an Transport- und Lagerprozesse.
Die Chance: Wer früh in Datenerfassung und Interoperabilität investiert, kann Transparenz als Wettbewerbsvorteil einsetzen – nicht nur bei Batterien, sondern beim gesamten Digital Product Passport, der in weiteren Produktkategorien folgt.
7. Fazit: Der Batteriepass als Vorbote des DPP
Der Volvo EX90 zeigt, dass Batteriepass und Distributed-Ledger-Technologien (DLT) bei den großen Playern bereits in Serie laufen. Die regulatorischen Zwinge sind konkret terminiert: Ab Februar 2027 ist der Batteriepass Pflicht, und die Ökodesign-Verordnung dehnt das Prinzip des digitalen Produktpasses schrittweise auf Textilien, Möbel, Stahl, Elektronik und weitere Kategorien aus.
Für KMU in der Region Dortmund-Unna-Hamm bedeutet das: Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann die eigene Produktkategorie betroffen ist. Wer die zugrundeliegenden Technologien – Lieferkettentransparenz, digitale Zwillinge, manipulationssichere Datenhaltung – heute versteht und pilotiert, ist morgen vorbereitet.
Quellen
[1] https://www.volvocars.com/de/cars/electrification/battery/
[2] https://www.volvocars.com/de-ch/news/technology/der-batteriepass-jetzt-schon-im-volvo-ex90/
[3] https://circulor.com/articles/worlds-first-battery-passport
[4] https://www.reuters.com/business/autos-transportation/volvo-issue-worlds-first-ev-battery-passport-ahead-eu-rules-2024-06-04/
[5] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32023R1542
[6] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/ALL/?uri=CELEX:32025R1561



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